Zeitenwende – vom Shareholder-Value-Kapitalismus zum Kundenkapitalismus, Teil 1

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Seit mehr als 30 Jahren orientieren sich börsennotierte Unternehmen am Shareholder-Value-Konzept. Ziel ist es, den Aktionärswert durch langfristiges, profitables Wachstum zu maximieren. Gemäß betriebswirtschaftlicher Theorie profitieren Aktionäre und Gesellschaft gleichermaßen davon, wenn Unternehmen die Renditemaximierung als oberstes Ziel verfolgen. Stimmt das wirklich? Nein, es ist ein Irrtum, denn das Problem ist die praktische Umsetzung der Shareholder-Value-Strategie, so Professor Martin von der Universität Toronto.

Shareholder-Value-Bilanz

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Renditemaximierung in der Praxis Erfolg hatte. Professor Martin stellt nüchtern fest: „Nichts deutet darauf hin, dass die Aktionäre tatsächlich mehr verdienen, seit ihre Interessen im Vordergrund stehen.“ Die Aktionäre haben zwischen 1977 und Ende 2008 eine inflationsbereinigte Jahresrendite von 5,9 Prozent erzielt (Basis: S&P 500). Im Zeitalter des Managerkapitalismus, der von 1932 bis Ende 1976 dauerte, wurden immerhin 7,6 Prozent Rendite von den Aktionären erwirtschaftet. Eine Maximierung des Unternehmenswertes sieht eigentlich anders aus, weshalb die Frage gestellt werden muss: Ist es wirklich sinnvoll, sich auf die Steigerung des Aktionärswertes zu fokussieren?

Nein, lautet das Urteil des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Washburn, der seine Forschungsergebnisse im Harvard Business Manager (Ausgabe 3/2010, S. 85) wie folgt zusammenfasst: „CEOs, die die Interessen ihrer Stakeholder engagierter verfolgen als den Profit des Unternehmens, erreichen, dass ihre Belegschaft motivierter arbeitet. Gleichzeitig erzielen sie bessere finanzielle Ergebnisse.“ Wer Gewinne in den Vordergrund stellt, so das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie, setzt sich hohen Risiken aus. Daher empfiehlt Washburn, den Gewinn nicht zum Unternehmensziel Nummer eins zu machen.

In diesem Zusammenhang sind zwei ehemalige CEOs zu nennen, die geradezu für den Shareholder-Value-Kapitalismus standen: Jack Welch und Jürgen Schrempp. Beide haben Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Jack Welch schuf einst das wertvollste Unternehmen der Welt (General Electric), Jürgen Schrempp schmiedete die erste Welt AG.

Der Mischkonzern General Electric, kurz GE genannt, war im Jahr 2001 noch 483 Milliarden US-Dollar wert. Zehn Jahre später liegt der Börsenwert bei ca. 166 Milliarden US-Dollar. Die Marktkapitalisierung verringerte sich seit 2001 um sage und schreibe 317 Milliarden US-Dollar. Dasselbe geschah mit Daimler: 1998 wurde der Automobilkonzern mit ca. 95 Milliarden Euro am Kapitalmarkt bewertet. Aktuell liegt der Börsenwert bei ca. 40 Milliarden Euro.

Shareholder-Value ist out

In einem Interview mit der Financial Times Deutschland (März 2009) distanziert sich Jack Welch von der Shareholder-Value-Lehre. Sein Eingeständnis: „Genau betrachtet ist Shareholder-Value die blödeste Idee der Welt. Shareholder-Value ist ein Ergebnis, keine Strategie; die wichtigsten Interessensgruppen sind die eigenen Mitarbeiter, die eigenen Kunden und die eigenen Produkte.“ Jedenfalls hat Jack Welch von dieser Idee stark profitiert. Durch sein aktienbasiertes Vergütungspaket ist der Manager des Jahrhunderts (Fortune 1999) zum Multi-millionär geworden – genauso wie Jürgen Schrempp, der die Auszeichnung des „Manager des Jahres 1998“ vom Manager Magazin erhielt.

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