Vermisst: 2 Billionen Dollar!

Fachbericht Ursachen Finanzkrise

Ein kurzer Rückblick auf die Ursachen der Finanzkrise

Wie war das eigentlich nochmal mit dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise? Wir alle spüren die Auswirkungen, aber was eigentlich genau passiert ist, gerät schon wieder in Vergessenheit. Hier ein Versuch, die Ursachen und Auswirkungen der Krise einmal kurz zusammenzufassen.

2.000 Milliarden Dollar – diesen unvorstellbaren Betrag haben US-Bauherren der Weltwirtschaft schlagartig entzogen und damit einen Dominoeffekt ausgelöst, der auch historisch seinesgleichen sucht. Bis ins Jahr 2007 hinein galt insbesondere der US-Bundesstaat Kalifornien als ein El Dorado für Kreditvermittler. Nach Einschätzungen der Fondsgesellschaft DWS, die sich auf einen Bericht der Financial Times Deutschland stützt, geht der OECD-Generalsekretär Angel Gurria davon aus, dass den rund 25.000 Kreditvermittlern lediglich vier Beamte der staatlichen Kontrollbehörde gegenübertstanden, die das Vermittlungs- und Finanzierungsgeschäft zu überwachen hatten.[1] Kalifornien ist hier jedoch nur symptomatisch anzuführen – in den gesamten USA kletterte das Volumen an Baufinanzierungen um über 200%. Der Kauf von Immobilien ohne Eigenkapital wurde mehr und mehr zur Normalität. Gleichzeitig wurde auf der Basis viel zu hoher Immobilienbewertungen oftmals der private Konsum mitfinanziert.

2007 kamen dann nach jahrelangen Steigerungen die Immobilienpreise ins Rutschen. Die Bewertungen der Kreditsicherheiten gaben nach, Banken forderten erhöhte Rückzahlungen und der Motor der US-Konjunktur geriet ins Stottern. Einige Hausbesitzer konnten ihren Ratenverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Ihre Häuser wurden zwangsversteigert und beschleunigten auf diese Weise durch das zusätzliche Angebot den weiteren Niedergang der US-Eigenheimpreise. Die Zahl der Zwangsversteigerungsverfahren vervierfachte sich zwischen 2006 und 2009. Verstärkend kam hinzu, dass in der US-Wirtschaft allein im Zeitraum zwischen November 2007 und November 2008 1,9 Millionen Arbeitsplätze verschwanden (allein 533.000 im November 2008).[2]

Im Rahmen der Refinanzierungen verkauften US-Banken die verbrieften Forderungen gegen ihre Kreditnehmer weltweit. Und spätestens 2007 mussten die Käufer diese Pakete zunehmend mit steigenden Zahlungsausfällen klarkommen. Die US-Immobilienkrise wurde durch diesen Zusammenhang plötzlich global. Zunächst US-Banken, dann Kreditinstitute auf der ganzen Welt, schränkten ihre Kreditvergabe ein. Überschuldete und/oder von Arbeitslosigkeit erfasste und bedrohte Konsumenten traten im Ausgabeverhalten voll auf die Bremse. Von buchstäblich einem Tag auf den anderen blieben weltweit Unternehmen auf ihren Produkten sitzen, kürzten ihre Kapazitäten, entließen Mitarbeiter, verschoben Investitionen und beschleunigten auf diese Weise den Niedergang der Wirtschaftsleistung.

„Es ist wie mit vielen Alpträumen", titelte der britische "Economist" Ende September 2008. "Dieser fühlt sich an, als würde er niemals enden."[3] Mit diesem Alptraum war die von den USA ausgehende Finanzkrise gemeint, die im Spätsommer 2008 einen neuen Höhepunkt erreichte. Lehman Brothers war in den Konkurs gerutscht, Merrill Lynch wurde von der Bank of America übernommen. Das größte Versicherungsunternehmen der Welt, die American International Group (AIG) wurde zwangsverstaatlicht. Banker, Sparer und Aktionäre hatten weltweit nur noch Angst um ihr Geld.

Und eine echte Entspannung der Lage ist nicht in Sicht: nach einem Bericht der International Business Times[4] war nahezu jeder achte private US-Hypothekenzahler im zweiten Quartal 2009 überfällig oder befindet sich im Prozess der Zwangsvollstreckung. Vor allem in den von der Finanzkrise besonders hart getroffenen Bundesstaaten Kalifornien, Florida, Arizona und Nevada komme es überdurchschnittlich häufig zu Zwangsvollstreckungen. Ein Ende der Ausfälle ist dem Verband zufolge nicht absehbar: Im kommenden Jahr rechnen die Banken wegen der steigenden Arbeitslosigkeit mit noch höheren Zahlungsrückstände. Ein Teufelskreis.

Wie sich der private US-Kapitalmarkt von dieser Schieflage erholen kann, ist derzeit ein viel diskutiertes Thema. Nach einer Schätzung der DWS[5] wären die US-Konsumenten selbst bei sich heute stabilisierenden Immobilienpreisen noch immer gezwungen, ihre Konsumausgaben drastisch zu kürzen. Um die Schulden wieder in ein akzeptables Verhältnis zum Wert der beliehenen Immobilien zu bringen, rechnet die Fondsgesellschaft mit rund 2.000 Milliarden Dollar Finanzierungsbedarf. Diese Summe entspricht rund 20% des US-amerikanischen Konsums, der wiederum zuletzt 2/3 des amerikanischen Wirtschaftswachstums ausgemacht habe. Ein drastischer Einschnitt also in die amerikanischen Wachstumsaussichten der kommenden Jahre.

Ein wichtiger Indikator für den privaten Konsumverzicht bildet die Sparquote: einem Bericht von n-tv zufolgte lag die US-Sparquote im Mai 2009 bei 6,9% des verfügbaren Einkommens. Noch vor einem Jahr (im April 2008) hatte die Sparquote 0% betragen. In 2005 war sie zeitweise ins Minus gerutscht – die US-Bürger lebten sozusagen über ihren Verhältnissen. In Deutschland beträgt die Sparquote seit Jahren konstant zwischen 10 und 12%.

Alles in allem befindet sich die Weltwirtschaft noch immer in einem höchst empfindlichen Stadium. Auch wenn sich glücklicherweise im einen oder anderen Wirtschaftszweig Erholungstendenzen zeigen, bewegen wir uns auf dünnem Eis. Für eine Entwarnung scheint es deutlich zu früh. Nach wie vor sind eine Reihe fundamentaler Probleme ungelöst – so bleibt zu hoffen, dass das Gespenst einer dritten Welle großer Immobilienpleiten in den USA ein solches bleibt. Für jeden Unternehmer ist es wichtig, solche Rahmenbedingungen zu beobachten. Auch wenn wir diese Entwicklungen in aller Regel nicht beeinflussen können, so müssen wir uns auf diese einstellen.

Konkret werden folgende Stabilisierungsmaßnahmen emfpohlen:

  • Akzeptieren Sie die Situation und erforderliche Veränderung - kämpfen Sie gegen den gefährlichen Tunnelblick an!
  • Suchen Sie sich vertrauensvolle Sparringspartner zur Diskussion Ihrer wirtschaftlichen Situation. Gutes Controlling liefert die richtigen Steuerungsinformationen für Sie, Ihre Mitarbeiter und Ihre Finanzierungspartner.
  • Beurteilen Sie Ihre jetzige Lage realistisch: Ist Ihr Geschäftsmodell auch in der Krise überlebensfähig oder funktioniert es nur in Boomphasen?
  • Denken Sie in Szenarien, planen Sie Extremsituationen und entwickeln Sie ein Konzept, wie Sie schwierige Phasen überbücken können. Ziehen Sie unternehmerisch alle Reaktionsmöglichkeiten in Erwägung, sparen Sie zunächst nichts aus.
  • Bleiben Sie bescheiden und ehrlich zu sich selbst.
  • Nutzen Sie die staatlichen Förderungen wie Kurzarbeit, KfW-Sonderprogramm oder Landesbürgschaften.
  • Setzen Sie sich mit alternativen Finanzierungsmöglichkeiten konsequent auseinander.

Letztlich bedeutet der Krisenbegriff im Griechischen ‚Wendepunkt‘ oder ‚Entscheidung‘. Er weist also auf den entscheidenden Punkt einer Handlung hin. Im Zyklus sind Krisen die entscheidenden Umschlagspunkte, in denen die Bedingungen der nächsten Aufschwungphase erzeugt werden. Krisen sind daher immer eine Art Jungbrunnen unserer Weiterentwicklung!

 

[1] DWS active, 03/2009 unter Verweis auf die FTD vom 24.03.2008
[2] Mortgage Banker Association (Mai 2009): Data Book 1Q 2009
[3]
The Economist (18.09.2008): Wall Street’s bad dream
[4] International Business Times (21.08.2009): Zahlungsverzug bei Hypotheken steigt in den USA auf Rekordhoch
[5] DWS Active (03.2009): Das Billionen-Dollar-Rätsel

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