Mit alternativen Finanzierungen auch in Krisenzeiten liquide

Krisenzeiten

Schlagwort "alternative Finanzierungen"

Das Schlagwort "alternative Finanzierungen" kam nach der deutschen Wiedervereinigung hoch und bezog sich auf die öffentliche Hand: auf die Frage, wie die immensen Infrastrukturinvestitionen in den neuen Bundesländern finanziert werden können, da die öffentlichen Haushalte nicht ausreichenden Spielraum für Investitionen hatten. Die Finanzierungsvarianten, die seinerzeit für die öffentliche Hand diskutiert wurden, waren für Personen mit internationalem Erfahrungshorizont keineswegs neu. Es wurden primär Finanzierungsmodelle, die im internationalen - sprich: englischsprachigen Raum - schon seit Jahren Standard waren auf die "neue" Bundesrepublik übertragen; das mit sehr unterschiedlichem Erfolg.

In einer zweiten Welle wurden diese "alternativen Finanzierungsmodelle" sodann auf die Wirtschaftsunternehmen übertragen. Als "alternativ" wird hierbei alles angesehen, was nicht nach klassischem Bankdarlehen aussieht und riecht. Neben den klassischen Produkten wie Leasing und Factoring nahm auch der Einsatz von Verbriefungstransaktionen ("Securitization") zu. Im weitesten Sinne sind Verbriefungen der Verkauf von Forderungen jeglicher Art an Einzweckgesellschaften, die sich sodann über die Ausgabe von Wertpapieren / Commercial Paper refinanzieren. Entzündet hat sich die weltweite "Finanzkrise" genau hier: an dem Handel mit verbrieften Forderungen aus zweifelhaften US-Hypothekenbeständen (Subprimes etc.).

Mit einer Inkubationszeit von ca. 1,5 Jahren schlägt nunmehr die "Finanzkrise" spürbar auf die Realwirtschaft durch. Finanzierungen für kleine und mittelständische Unternehmen werden in diesem Umfeld schwieriger - was ist mit alternativen Finanzierungsmodellen heute?

"Alternativ zu was?"

Für - nicht nur - den deutschen Mittelstand stellt sich heute im Gefolge der Finanzkrise und der damit verbunden wirtschaftlichen Unsicherheiten & Verwerfungen die Frage: "alternative Finanzierungen - zu was alternativ"?

  • Was ist die alternative Finanzierung zu einer von der Hausbank nicht verlängerten oder trotz Bedarf nicht erhöhten Kontokorrentlinie?
  • Was ist die alternative Finanzierung für eine Investitionsmaßnahme, wenn selbst der Hersteller / Lieferant von Anlagen nicht mehr an die in der Zukunft realisierbaren Restwerte glaubt und die mit dem Hersteller verbundene Leasinggesellschaft auch nicht mehr ganz (und daher hohe Leasingraten / Leasingsonderzahlungen bei niedrigen Restwerten aufruft)?
  • Was ist die alternative Finanzierung, wenn Factoringgesellschaften die Ankaufslinien für Debitoren gnadenlos reduzieren, weil ihre Rückversicherer in den Strudel der Finanzmarktkrise geraten sind und auf einmal das alte deutsche Prinzip der Vorsichtigkeit wieder entdecken?
  • Was ist die alternative Finanzierung, wenn bisher Forderungsverkäufe vom Unternehmen getätigt wurden, wenn heute kaum noch jemand Forderungen aufkauft, weil "Verbriefungen" bis auf weiteres nicht mehr laufen?
  • Was ist die alternative Finanzierung, wenn so genannte "steueroptimierte Finanzierungen" der vergangenen Jahre nicht mehr funktionieren, weil die Anleger für diese Modelle vorsichtiger geworden sind?

Die Finanzmarktkrise und die damit verbundenen Vertrauensverluste führen dazu, dass komplexe Finanzierungskonzepte derzeit praktisch nicht mehr eingesetzt werden. Finanzierungstechnisch wirft uns die Finanzmarktkrise zurück auf einfache, standardisierte und vor allem überschaubare Finanzierungsmodelle: klassische Bankfinanzierungen, Leasing, Factoring und vielleicht noch Beteiligungsmodelle (soweit sich beteiligungswillige Investoren finden lassen).

Spielregeln in der Krise:

Auch wenn die deutsche Bankenwelt eine Zurückhaltung bei der Kreditvergabe in der Krise ständig verneint, die tagtägliche reale Erfahrung deutscher Unternehmer und ihrer Begleiter ist eine andere. Sicher gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Banken, aber insgesamt hat sich das Anforderungsprofil der Banken für eine Kreditvergabe(prüfung) spürbar erhöht - auch / gerade bei den Banken, die selbst staatliche Hilfe zum Überleben in Anspruch nehmen mussten. Banken, die die eigenen Risiken in ihren Kellern hartnäckig unterschätzt haben schauen nun genauer hin, wo ein Risiköchen auf sie zukommen könnte.

In diesem Umfeld kommt dem Auftreten von Unternehmer und Unternehmen gesteigerte Bedeutung bei. Erhöhte Transparenz ist angesagt: Offenheit und Transparenz der Gesellschafter, Transparenz des wirtschaftlichen Handels der Unternehmen und natürlich Transparenz im finanzwirtschaftlichen Zahlenwerk. Die Bundeskanzlerin konnte die Anne-Will-Frage ("wann ist die Krise zu Ende") nicht beantworten - Banken und Financiers erwarten von ihren Kunden jedoch aktuelle Planungen für die nächsten zwei bis drei Jahre - wie plant der Unternehmer das Ende der Krise?

In diesem kritischen Umfeld schauen die Banken genauer auf ihre Kunden und deren Kreditanfragen ? im Zweifel wird die Bank das Rating herabsetzen mit allen Folgen (Kredithöhe, Sicherheiten verlangen, Zinssatz etc.). Informationen & Unterlagen des Unternehmens, die bei der Bank ins Rating einfließen sind daher mit erhöhter Sorgfalt zusammen zu stellen.

Zu den geänderten Spielregeln gehört auch, dass trotz wiederholter Absenkung des EZB-Diskontsatzes die Kreditzinsen nicht nachgeben - das wird (leider) auch mittelfristig so bleiben.


Fazit:

In der gegenwärtig schwierigen Wirtschaftslage - der IWF sagt für die Bundesrepublik 2009 ein negatives Wirtschaftswachstum von über 5 Prozent voraus - sind die Phantasien für alternative Finanzierungen des Mittelstandes begrenzt. Die eher klassischen Finanzierungsformen (Bankkredit, Leasing, Factoring) treten demgegenüber wieder in den Vordergrund.

Unternehmen mit Finanzierungsbedarf und Finanzengpässen sind in einer arbeitsteiligen Welt gut beraten, wenn sie sich bei Verhandlungen mit Banken und Finanzdienstleistungsunternehmen professionelle Unterstützung ins Haus holen. Die Praxis zeigt, dass eine einmal abgelehnte Finanzierung bei Banken äußerst selten zu korrigieren ist.

Als Verbraucher sind Dienstleistungen über die "gelbe Seiten" oder das www relativ problemlos zu recherchieren; schwieriger wird es bei sensiblen Beratungsleistungen, bei denen viel auf dem Spiel steht. Hier muss jeder Unternehmer für sich entscheiden, welche Kriterien in der Auswahl von Beratern für ihn eine Rolle spielen (Visitenkarte anerkannter Beratungsunternehmen, elegante Hochglanzbroschüren mit möglicherweise kopierten Inhalten, Hands-On-Berater).

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