Interview zum Thema Unternehmensberatung für den Mittelstand

puppe groß.jpg

mittelstandsdialog: Herr Kreymborg. Die größte Wirtschaftskrise in Deutschland nach 1945 scheint ausgestanden zu sein. Kann man also jetzt wieder zurück zur Tagesordnung in die Zeit von vor dem Konjunkturabschwung übergehen?

Kreymborg: So einfach ist es leider nicht. Nehmen Sie die Automobilindustrie mit ihren vielen Tausend Zulieferern, die von der vergangenen Krise schwer getroffen worden ist. Auf diese Branche kommt demnächst – neben der Bewältigung der Folgen des Konjunktureinbruchs – noch einiges an Veränderungen zu, etwa durch die Diskussion über umweltfreundlichere Autos oder die Elektromobilität. Da müssen sich noch die traditionellen Businessmodelle ändern. Insgesamt bin ich aber, was den Mittelstand angeht, eher optimistisch. Denn – das ist ein typisch deutsches Phänomen – Mittelständler achten auf ihre Flexibilität und Unabhängigkeit im Hinblick auf die Finanzierungsinstitute. Für sie ist ein solider Bestand an Eigenkapital etwas sehr Wichtiges. Ich bin mir sicher, dass sich der Mittelstand, über die ganze Breite betrachtet, bereits gut erholt hat und weiter erholen wird.

mittelstandsdialog:Und was kann getan, um in Zukunft krisensicher zu sein?

Kreymborg: Sicher überlegen viele Unternehmen schon längst, ob sie ihre Betriebe verschlanken. Nicht nur vor dem Hintergrund der Internationalisierung und Globalisierung wird überall geprüft, ob Fertigungseinheiten an den einzelnen Standorten bestehen bleiben. Mittelständler werden auch weiterhin kritisch prüfen, ob sie mit vernünftigen Kostenstrukturen im Ausland besser fahren als in Deutschland. Aber das ist es nicht alleine. Die Firmen rücken näher an ihre Absatzmärkte heran und gewinnen dabei nicht nur an Absatzchancen, sondern verbessern damit auch die Fertigungs- und Kostenstruktur. Eine Tendenz, davon bin ich überzeugt, die noch weiter zunehmen wird. Zumal der deutsche Mittelstand das schon viel früher begriffen hat als Unternehmen in anderen Ländern. Darum sind wir ja Export-Weltmeister.

mittelstandsdialog: Die Eigenkapitaldecke vieler Firmen ist oft viel zu dünn. Was wäre hier zu tun?

Kreymborg: Ja, definitiv haben deutsche Gesellschaften eine zu niedrige Eigenkapitalquote, deshalb brauchen wir auch mehr Anreizsysteme zum Thesaurieren und insbesondere höhere Gewinne. Das wichtigste Instrument mittelständischer Unternehmen zur Stärkung des Eigenkapitals ist unverändert das Bilden von Gewinnrücklagen auf der Grundlage auskömmlicher Gewinne. Wer die Eigenkapitaldecke des Mittelstands in seiner ganzen Breite stärken will, muss letztlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Unternehmen bei eigener Leistungsfähigkeit auch ausreichende Gewinne erwirtschaften können. Die Fähigkeit, Rücklagen zu bilden, hängt ganz entscheidend von der Entwicklung der Absatzmärkte, der Entwicklung der Kosten und der Höhe der Steuerlast ab. Derzeit sehen wir aber zum Beispiel beim Handel und in der Nahrungsmittelindustrie ein Absacken der Renditen – das ist keine gesunde Entwicklung.

Profit ist nichts, was verteufelt werden sollte. Denn was wir wirklich brauchen, ist eine andere Gewinnsituation. Und das nicht nur in den Top-Branchen, sondern im Unternehmensdurchschnitt. So lange aber jeder meint, er müsse den Anderen unterbieten, geht das nicht. Gewinn zu machen, das geht nicht über Preisdrücken, sondern nur über eine Differenzierung, etwa in der Qualität. Der Kunde muss zu der Überzeugung kommen, dass die Unternehmensleistung einen Wert hat, so dass er dafür einen vernünftigen Preis bezahlt. Leider hat sich diese Überzeugung hierzulande noch nicht so richtig durchgesetzt.

Die zweite Komponente ist das Steuerrecht. Wir haben in Deutschland bei der Unternehmensbesteuerung keine Top-Position im internationalen Vergleich und bewegen uns eher im Mittelfeld.. Da ist noch Raum – und warum schonen wir nicht stärker die unternehmerischen Aktivitäten?

mittelstandsdialog: Was sollte die Politik konkret ändern?

Kreymborg: Wir haben viele Vorschriften und Regelungen in unserem Steuerrecht, die eigentlich auf die schwarzen Schafe abzielen, aber die große Mehrheit treffen. Eine Vereinfachung, mehr Transparenz und Klarheit würde allen zugute kommen. Überregulierung ist der Punkt, den wir vor allem beklagen. Viel zu viele Verordnungen und viel zu viele Änderungen in zu kurzer Zeit führen zu massiven Verunsicherungen und das ist nicht gut für eine Volkswirtschaft.

Aus Sicht der mittelständischen Wirtschaft bedarf es insgesamt und vorrangig einer Entrümpelung der ausufernden administrativen Regelungen zur Umsatzbesteuerung. Insbesondere Nachweispflichten müssen auf ein vertretbares Maß zurückgeführt, der Vertrauensschutz vor allem bei innergemeinschaftlichen Lieferungen – z. B. bei der Prüfung von Umsatzsteuer-Identifikationsnummern – wirksam gestärkt und die Anwendung von praxisnahen und anwenderfreundlichen elektronischen Abrechnungsmöglichkeiten zugelassen werden.

mittelstandsdialog: Ist mehr Private Equity eine Lösung für die Eigenkapitalprobleme?

Kreymborg: Wir brauchen sicher mehr Wagniskapital. Ich glaube aber nicht, dass diese Finanzierungsform ein genereller Ausweg zur Lösung der Probleme in diesem Bereich ist. Die Banken haben die klassische Funktion der Fristen- und Risikotransformation, das kann Private Equity nicht leisten. Zudem ist unsere Aktienkultur eher schwach, hier wäre insgesamt mehr Mut zu wünschen. Viele Familienunternehmen sind ja bereits an der Börse gelistet und kommen damit auch gut klar. Ganz klar abzulehnen ist aber eine „Heuschreckenmentalität“ von Firmen, die nur bei anderen investieren, um sie anschließend ausbluten zu lassen. Das kommt jemand im Mäntelchen des Helfenden daher und und will nur schnellstens den Zeitpunkt finden, um sich mit Profit wieder von der Beteiligung zu trennen. Das hat einen mangelnden Nachhaltigkeitseffekt und ist nur sehr bedingt erfolgreich.

Die Private Equity-Branche befindet sich derzeit im Umbruch – hin zu moderateren Renditeerwartungen, längerfristigen Engagements und Minderheits­be­tei­li­gun­gen. Die langfristige, nachhaltige Ausrichtung dieses Marktsegments sollte gefördert werden. Die Vorteile solcher Beteiligungsformen können nicht nur in der hierdurch ermöglichten Finanzierung liegen, sondern auch im Transfer von Know-how, in der Unterstützung beim Unternehmensmanagement und in der Einbindung in unternehmensrelevante Netzwerke sowie in der Optimierung der Kapitalstruktur.

mittelstandsdialog: Wie sieht eine Unterstützung der Firmen durch den Steuerberater und Wirtschaftsprüfer aus?

Kreymborg: Es ist natürlich unser Job, unsere tägliche Arbeit und unsere Kernkompetez, dass wir immer noch ein Quentchen mehr wissen und tun können. Gleichzeitig muss man als Berater aber die große Linie sehen. Uns – als mittelständische Berater – geht es nicht so sehr darum, unsere Mandanten dahingehend zu beraten, wie man noch das drittte Auto steuerlich günstig finanzieren kann. Sondern wir wollen für die Unternehmen mehr Planungssicherheit erreichen und dazu setzen wir auf Nachhaltigkeit und Verstetigung. Und als Prüfer sehen wir uns nicht nur als Kontrollinstanz, sondern in erster Linie als Sparringpartner, der das Ganze über lange Zeit im Blick hat und rechtzeitig auf Schwachpunkte hinweisen kann. Prüfung und Beratung, das gehört für uns zusammen: Der Mittelständler braucht den Abschlussprüfer als Gesprächspartner und das setzt nicht nur Vertrauen, sondern auch Vertrautheit mit dem Unternehmen voraus – deshalb macht es auch wenig Sinn, den Wirtschaftsprüfer regelmäßig auszutauschen.

Wichtig ist hierbei ein frühzeitige Beratung, heute dem Unternehmer schon sagen, auf was er morgen achten muss. Berater sehen in die Zukunft und erkennen Gefahren rechtzeitig, z.B. raten sie dem Unternehmer und Investor, sich auf betriebswirtschaftlich lohnende Investitionen zu konzentrieren und nicht auf solche, die vorwiegend auf Steuervergünstigungen setzen.

mittelstandsdialog: Was kann ein Beratungsgespräch leisten?

Kreymborg: In diesem ersten Gespräch zeigen sie auf, wie der Unternehmer Knackstellen angehen kann – und zwar rechtzeitig. Ihre Kompetenz und die langfristige Begleitung der Firmen ist das, was sie ausmacht. Sie helfen, zu gestalten und dazu gehört unbedingt ein Vetrauensverhältnis zu ihren Mandanten.

mittelstandsdialog: Warum liegt einigen Beratern gerade der Mittelstand so am Herzen?

Kreymborg: Berater, die selbst ein mittelständisches Unternehmen sind, kennen und verstehen die Probleme unserer Mandanten und können schnell und zielgerichtet darauf reagieren. Sie gewährleisten eine sehr individuelle Betreuung, einige nennen dieses Prinzip „Boss-to-Boss- Betreuung“. Das heißt nichts anderes, als dass sie sehr flache Hierarchien und nur wenige Entscheidungsebenen haben, das kommt bei  mittelständischen Kunden gut an.

Meist hat es ein Mandant dann nur mit drei Ebenen zu tun: dem verantwortlichen Partner vor Ort, der einen Auftrag tatsächlich persönlich bearbeitet und nicht nur leitet. Einem Prüfungsleiter, meist mit Berufsexamen als Steuerberater und einem Mitarbeiter für die organisatorische Abwicklung. Das sichert eine schnelle Kommunikation und garantiert eine direkte Mandantenbeziehung auf Augenhöhe.

Gleichzeitig sind manche eine Kooperation, eine weltweit agierende Gruppe von Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskanzleien, die sich ständig weiter entwickeln. Und so sind diese eben auch ein deutschlandweites und europäisches Netzwerk, das dem Gedanken verbunden ist: All business is local. Deshalb sind sie immer da, wo ihre Mandanen sind – und da viele Mittelständler heute international agieren, tun sie das auch. Denn gerade im mittelständischen Bereich erfordern komplexe Fragestellungen mit internationalen Verflechtungen die Zusammenarbeit mit hoch qualifizierten Kollegen weltweit, nach dem Motto: Local in Touch – Global in Reach!

mittelstandsdialog: Vielen Dank, Herr Kreymborg, für dieses interessante Gespräch.

Artikel weiterempfehlen»

Kommentare

Kommentar schreiben