Finanzklemme - Mittelstand ist weiter in Gefahr

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Trotz der aktuell guten Stimmung und der positiven Zahlen vieler Unternehmen in den letzten beiden Quartalen ist die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte Deutschlands für viele Mittelständler noch längst nicht ausgestanden. Davon zeugen nicht nur die aktuellen Insolvenzzahlen in Deutschland. Die Finanzwirtschaft stockt derzeit noch immer durch ihre eigenen Schwierigkeiten und bremst damit auch den Aufwärtstrend, den die Industrie mit vernünftiger Begleitung durch die Kreditinstitute durchaus schaffen könnte.

Die Firmenauskunft Creditreform kürzlich Alarm: Nach ihrer Prognose sind aktuell 113.000 der 3,3 Millionen Firmen in Deutschland wegen zu geringer Rücklagen in ihrer Existenz gefährdet. Die Zahl der Betriebe mit „ausgezeichneter Zahlungsfähigkeit“ sank zwischen Dezember 2008 und Juni 2010 um mehr als 14 Prozent. 18 Prozent mehr Unternehmen erhielten von Creditreform den Malus „schwache Bonität“. Ohne einen langen und kräftigen Aufschwung – so die Befürchtung – werden viele Firmen Zahlungsprobleme bekommen. Denn 40 Prozent haben nur eine Umsatzrendite von einem Prozent, was sie für Rückschläge extrem anfällig macht.

Die Banken mussten im Zuge der globalen Finanzkrise ihre Bilanzsummen herunterfahren. Aber es gibt eigentlichen keinen Grund dafür, dass auch der mittelständische Bankensektor die Probleme der Großbanken auf die eigene Vergabepolitk überträgt und seine Kreditkosten ebenfalls verteuert. Das macht heute vielen Mittelständlern Probleme. Wenn Mitbewerber schon wieder aufbrechen und etwa in Asien neue Märkte erschließen und die eigene Firma bekommt keine vernünftige Finanzierung der Hausbank für die Expansion, dann hat das erhebliche Nachteile im Wettbewerb.

Wir brauchen deshalb ganz klar eine flankierende Politik, die das Eigenkapital stärkt. Das ist ja teilweise auch schon eingeleitet, etwa die Thesaurierungsbesteuerung bei Personengesellschaften. Sie kann grundsätzlich einen positiven Beitrag zur Stärkung der Selbstfinanzierung mittelständischer Personengesellschafen leisten. Dieses neue Instrument ermöglicht es den Gesellschaften, im Unternehmen thesaurierte Gewinne – wie Kapitalgesellschaften – mit 28,25 % zu versteuern. Erst bei Auflösung der Rücklage erfolgt eine Nachversteuerung analog zur Dividende mit 25 %. Diese an sich richtige Regelung findet in der Praxis allerdings nur sehr eingeschränkt Anwendung, da sie sehr kompliziert ausgestaltet ist. Zudem hat sie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine sehr nachteilige, die Liquidität belastende Wirkung: Bei Entnahmen muss momentan selbst dann zunächst die Thesaurierungsrücklage – mit Nachversteuerung – aufgelöst werden, wenn im Unternehmen noch bereits nach früherem Recht voll versteuertes Kapital vorhanden ist. Bei dessen Entnahme wäre hingegen keine Nachversteuerung gegeben.

Um die Finanzierungsprobleme im Mittelstand dauerhaft zu lösen, benötigen wir mehr und vor allem einfach handhabbare steuerliche Anreizsysteme, die eine Thesaurierung fördern. So sollte die Gewinnverwendungsreihenfolge so geändert werden, dass bei Entnahmen zunächst auf bereits voll versteuertes Kapital zurückgegriffen wird und eine Nachversteuerung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten damit vermieden werden kann. Hilfsweise sollte zumindest ein Jahresbetrag von 100.000 Euro im Kalenderjahr im Rahmen der Verwendungsreihenfolge frei disponierbar sein. Ferner sollte die Möglichkeit der Rücknahme des Antrags auf Thesaurierungsbesteuerung auf 3 Jahre ausgeweitet werden.

Um an dem Problem der zu niedrigen Eigenkapitalquoten vieler mittelständischer Betriebe etwas zu ändern, ist vor allem die Bildung von Gewinnrücklagen auf der Grundlage auskömmlicher Gewinne eine Grundvoraussetzung. Wer die Eigenkapitaldecke des Mittelstands in seiner ganzen Breite stärken will, muss letztlich die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Unternehmen bei eigener Leistungsfähigkeit auch ausreichende Gewinne erwirtschaften können. Doch genau das ist, wie die jüngsten Creditreform-Zahlen zeigen, das Problem: Mit Umsatzrenditen von unter einem Prozent und fehlenden Rücklagen besteht ein erhebliches Risiko, dass der Aufschwung schon wieder stirbt, bevor er im Mittelstand überhaupt richtig angekommen ist.

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